Köhler-Daimler – Vorsatz

Die Debatte liest sich wie eine Slalom: Köhler hat sich verrechnet, er räumt das ein, stellt aber Konsequenzen in Abrede (es hätte keine Auswirkungen) und in der Öffentlichkeit heißt es dann Glaubenskrieg (Maischberger). Damit hat Daimler-Köhler erreicht, was sie wollten: die Wissenschaft ist außen vor – alle Wahrheiten wurden flott umfahren – und jeder darf glauben, was er will.

Die Daimler-Köhler-Toxikologie ist erkennbar falsch und zwar absichtlich. Sie hält gut Abstand zum Stand der Wissenschaft. Punkt 3 Toxikologie, S. 2 enthält keine wissenschaftlich haltbare Aussage. Grundbegriffe sind obsolet und Zahlenbeispiele sind unglaubwürdig zum Zwecke der Irreführung in 5 Stufen.

Die Behauptung „jedes Gift“ habe eine „Schwellendosis“, gilt nicht für cancerogene und sensibilisierende Stoffe. Und bei Mischintoxikationen sind Schwellwerte überhaupt nicht definierbar. Köhler definiert also einen Bewertungsrahmen fern ab der Wissenschaft.

Die zweite Irreführung ist, dass die Luftverschmutzungen zu keinem typischen Vergiftungsmuster führten. Doch das tun sie: Krebs, COPD, HRB (letztere beide auch als Berufskrankheiten anerkannt). Des Weiteren Allergien (anerkannt durch die Liste der sensibilisierenden Arbeitsstoffe in der MAK-Liste) unter diese fällt auch MCS als unspezifische Allergie (WHO-ICD T78.4). Diabetes ist schon Jahrzehnte als Umweltkrankheit bekannt. CFS in Folge von oxidativen Stress ist seit 1994 als Umweltkrankheit durch WHO definiert. Das ist schlimmer als Burnout, weit verbreitet und stets missdeutet.

Die Diagnosekriterien der Erkrankungen sind die typischen toxischen Muster, die Köhler unterschlägt – dies ist Stand der Wissenschaft seit den 80er Jahren.

Die Zahlenvergleiche sind nicht besser als die des Kabarettisten Dieter Nuhr (vgl. u.). Köhler vermischt solche Aussagen mit falschen Zahlen kommt zu Behauptungen, die Rauchen gesundheitsschädlich und Auspuffgase ungefährlich nennen.

Ein Immissions-Grenzwert sollte lebenslang vertragen werden. Nach Köhler-Daimler ergibt 80 Jahre atmen, die gleiche NOx-Dosis wie 2 Monate Rauchen. Für NOx ergibt sich je nach Referenz ein Fehlerfaktor von 16 bis 1 500. Die NOx-Angaben pro Zigarette variieren von 13 bis 1200 µg NOx/cig = 260 bis 24 000 µg/pak = 7,8 mg bis 720 mg/M – 80 Jahre grenzwertiges Atmen sind 23,4 g. Rechenfehler 16 bis 1500, also je nach Zigarettentyp mehrere Jahre (Datenbasis: Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, WD 8-3000-034/18). Was immer Köhler verglichen haben will, es ist nicht redlich und es lässt sich auch nicht mit alten Daten von Zigaretten höherer Kondensatwerte entschuldigen. Das ist klassischer Bullshit: Feld der Diskussion fernab aller Realität. Das ist schlimmer als „Rechenfehler“. Das ist Vernichtung von Wissenschaft und zwar sehr erfolgreich: Glaubenskrieg.

In Sachen Feinstaub nennt Köhler 100 bis 500 g/m³ als Konzentration für den Hauptstrom (keine Quellenangabe) und vergleicht ihn mit dem Grenzwert für Feinstaub. Daimler-Köhler weiß nicht, was eine Dosis ist. Dosis ist Konzentration mal Zeit. Eine Konzentrationsangabe ist keine Dosis. Der Vergleich zweier Konzentrationen ist keine toxikologische Bewertung

Nun ist ein solcher Hauptstrom schwer zu messen. Ein italienisches Team hat 591 µg PM25/m³ in der Luft eines Containers (36 m³) durch eine Zigarette gemessen. Das ergibt 21,6 mg/cig. In Diskos wurden schon mal 6 mg/m³ gemessen (UBA). Für 100 bis 500 g benötigte man demzufolge 50 000 bis 250 000 Zigaretten, statt nur einer. Zigarettenrauch ist stärker belastet als in der Atemluft erlaubt, aber nicht 1 Million mal. Rauchen macht ja krank und ein Grenzwert soll ja die Gesundheit. Der Köhlersche Vergleich aber ist Bullshit.

Im Weltbild von Köhler-Daimler werden nur Tote ernstgenommen: „Würde die Luftverschmutzung ein solches Risiko darstellen … müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten alle versterben, …“. Diese Menschenverachtung ist nicht damit zu Reparieren, wenn man die „Monate“ durch X Jahre ersetzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Köhler-Daimler Gesundheitsschutz nicht interessiert. Dazu werden Zahlenvergleiche behauptet, die um mehrere Zehnerpotenzen falsch sind und alle Krankheitsbilder, die auf chronischer Intoxikationen beruhen, leugnet – ein Wissenschaftsbild, dass seit Mitte der 80er Jahre veraltete ist.

Seit der Zeit – da bin ich gutachterlicher Zeitzeuge – wird solcher Bullshit entwickelt, damit die Geschädigten keine Rechte bekommen. Mit dem Erfolg, dass die Morbidität steigt (nicht die Mortalität). 38 % der Deutschen haben eine chronische Krankheit (Stand 2016, RKI). Das wird ansteigen. Die Liste der Umweltkrankheiten ist lang (vgl. medscabe, UBA).

Es ist nach meiner Berufserfahrung das typische Verhalten eines Bullshitters, wenn Köhler sich bei Markus Lanz ganz ruhig unaufgeregt damit herausredet, dass da wohl alte Daten verwendet wurden. Dem ist nicht peinlich, dass er nicht up-to-date ist, Denen ist nie etwas peinlich. Das ist deren Lebensleistung und denen stehen auch meist keine Fachkenntnisse im Weg. Lanz hatte keinen Experten eingeladen. Da war keiner der physikalische Dimensionen umrechnen kann: 80 Jahre sind 8 600 h * 80 = 688 000 h, eine Zigarette sind 10 Minuten. So macht man Bullshit.

Bullshitting ist eine Kunst. So bringen Gutachter der Berufsgenossenschaften es fertig die Kausalität abzustreiten, auch wenn der Invalide den Schadstoffexposition und das passende Krankheitsbild bewiesen ist. Ursache und Wirkung ohne Kausalität. Das gibt es nur in Zusammenhang mit toxischen Invaliden. Die Begründung ist immer die gleiche: die Dosis war zu niedrig. Die zweite große Bullshitlinie ist, alle Diagnosekriterien der WHO vom Tisch zu fegen, weil sie „bloß subjektiv“ seien. Chronische Belastungen mit Umweltgiften mindern die Leistung, machen schlechte Laune und schließlich arbeitsunfähig – und zwar chronisch und in dieser Reihenfolge. Um das zu ändern brauchen wir nur den Stand der Wissenschaft zur Kenntnis zu nehmen. Die Linie Nuhr-Köhler-Daimler macht dumm. Das ist die Alternative.

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