Hysterie – was Köhler, Meuthen und Nuhr gemeinsam haben

Es bilden sich ganz neue Koalitionen. Während die Satiriker noch mühsam die Veränderungen in der Parteienlandschaft beömeln und genauso wenig wie die Wähler so recht wissen, was vorgeht, finden sich neue Koalitionen für einen neuen Freiheitsbegriff: Weg mit den Öko-Regeln, ganz besonders den Grenzwerten. Die stehen für Hysterie – so feiert Prof. Meuthen Prof. Köhler und so zeigt Dieter Nuhr allen den Vogel, die nicht wissen, dass eine Kerze mehr NOx produziert, als der Stadtverkehr (vgl. u.).

Nuhrs Publikum haut sich auf die Schenkel bei „ja so ist es“. Es ist ja so befreiend, endlich sagt mal einer, wie es ist. Und schließlich wird es Zeit, dass mal „diese Studien“ als die „größten Seifenblasen, die es gibt“ zum Zerplatzen gebracht werden (Köhler 2018, StN). Unter „Islamnixgut / Köhler“ v. 27.2.2019 findet sich: „Das Diesel-Desaster basiert auf reiner Hysterie“ und der Grenzwert für NOx sei „völlig aus der Luft gegriffen“. Meuthen stört ebenso wie Nuhr, dass die Messstationen die Höchstbelastungen messen. Bei Meuthen ist das „pseudowissenschaftlicher links-grüner Quatsch, der uns alle enteignet und gängelt“. Köhler lamentiert, Kritik würde totgeschwiegen (2018).

Das sind die groben Eitelkeiten. Sie wissen es nicht nur besser, sondern sogar viel besser. Die merken nicht, wenn sie völlig daneben liegen, weil sie etwa Milligramm und Mikrogramm nicht unterscheiden können oder 10 min Rauchen mit lebenslanger Luftbelastung gleichsetzen. Die sind glücklich, wenn sie zwei Zahlen finden, die weit auseinander liegen und sie feststellen können, dass der Grenzwert der kleinere ist. Denen stehen keine Fachkenntnisse im Weg.

Daraus „Experten“ zu machen, braucht es die nützlichen Idioten, die entsprechend gläubig sind. Einer wollte mir ein „Ich-hab’s-schon-früher-gewusst“ geschickt und darin war so schön nachvollziehbar dargestellt, wie solche Propaganda moduliert wird. Köhler hat auf Einladung einer österreichischen Motorenfirma bereits 2018 Vorträge gehalten. Es wird ausdrücklich vermerkt, er habe sogar seine Reisekosten selbst getragen (!!). Also ein außerordentlicher Professor, der schon immer dachte, dass er unter Wert bewertet wird, wird herumgereicht und muss seine „Neutralität“ selbst bezahlen. Er nennt sich „kritischer Rationalist“ und  alle Studien, die er kaum gelesen hat: Seifenblasen. Der Stuttgarter Journalist, der über solche Vorträge berichtet, nennt ihn eine große Nummer. Wie muss man eigentlich drauf sein, dass man eine solche Angeberei – alle machen „aufgeblasene“ Studien, nur ich sehe das kritisch – promotet/pusht? Eine Psychologin, die ich mal über ein ähnliches Verhalten befragt hatte, würde sagen, da haben sich zwei Narzissten gefunden. Nehmen wir noch Nuhr und Meuthen dazu, haben wir den Trend – Ego to go. Natürlich gibt es Strippenzieher. Die wissen auch genau, dass es solche Ehrgeizlinge braucht, nicht nur weil sie billig sind. Es gelingt, weil jeder glaubt, für Glamour zum Affen machen sich nur die Leute in der Yellowpress.

Auf der Strecke bleibt die Wissenschaft.

Das Ganze hat eine Entwicklungsgeschichte: Hysterie als Erklärung für chronisch Kranke (Wahlweise auch: Ökochonder oder Rentenneurotiker) war die Antwort auf Umweltkranke seit – spätestens – Mitte der 90er Jahre. Das wurde durchgesetzt. Das wollten die Versicherungen so. Dabei sank das Niveau Schritt für Schritt. So kann man heute 71 000 wissenschaftliche Publikationen durch einen Ignoranten wegblasen lassen, weil es viele freut.

Ich nenne das das Wolf-Prinzip: wenn ein neuer Wolf in einer Photofalle entdeckt wird, gibt das sofort eine Radiomeldung. Wenn wir unsere biologischen Grundlagen auf 25% reduzieren (Insekten, Vögel), wird das nicht ernsthaft diskutiert. Wenn man zehntausend Gänse keult, weil ein Papagei geniest hat, ist das „Sicherheit“. In den USA ist seit 1991 MCS (Hypersensibilität durch Schadstoffmix) als besonders zu schützenden Schwerbehinderung anerkannt. Bei uns werden sie gemobbt. Wenn sich einer um mehrere Zehnerpotenzen vertut, ist er „Experte“. Er kann die Kritik als „einseitig“ abtun (Köhler gegenüber der Taz). Na, wär das was für die nächste Mathearbeit?

Hysteriker sind heute Leute, die sich vorstellen können, dass eine Dauerbelastung schon bei kleinen Tagesdosen zu Organschäden führen. Dosis ist Konzentration mal Zeit. Die Dosis errechnet sich also aus einer sehr kleinen und sehr großen Zahl. Letztere lässt man dann weg, um Panikmache zu vermeiden. Einfaches multiplizieren ist also schon zu viel Kopfarbeit in der Meinungsmache.

Rauchen ist schädlich. Auspuffgase auch. Doch die werden jetzt gesund gerechnet. Das ist die Wolfsfalle: eine Fluppe wird mit dem Straßenverkehr verglichen: 10 Minuten mit 24-h-Mittel oder gar Jahresmittel. Kritik daran ist einseitig[1]. Das ist die Situation eines Blinden im Kino, der genötigt wird, den Film toll zu finden.

So haben wir es auf 38% chronisch Kranke geschafft. Jetzt will die Debatte Tote sehen. Da Raucher nicht gleich tot umfallen, sind Grenzwerte nach Köhler unsinnig. Das ist Karikatur von Gesundheitsschutz. Keiner bemängelt, dass diese Verschiebung ins Absurde von einem Mediziner stammt. Da ist auch der gesunde Menschenverstand beschädigt. Rechtlich wird der „allgemein anerkannte Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis“ (ein Rechtsbegriff) ersetzt durch das Recht des Stärkeren. Die Versicherung zahlt toxischen Invaliden keine Rente, der Automarkt bestimmt die Grenzwerte. Politische Bildung ist gemeinnützig, aber nicht, wenn sie etwas bewirkt (Urteil gegen Attac).

Der Umschwung datiert ziemlich auf das Jahr 2000. Auf dem Gesundheitstag, hatte man es geschafft, all‘ die Initiativen der Holzschutzmittel-, Pyrethroid-, PCB-Geschädigten usw. auf das Rauchen einzuschwören: Der erigierte Zeigefinger wies auf das Rauchen. Die alte Masche: der Themenwechsel. Und er hat funktioniert: Rauchverbote überall, Pestizide auch.

Seit der Sachverständigenbeirat 1987, festgestellt hat, dass für etliche Stoffe die „Grenzen der Belastbarkeit erreicht oder überschritten ist“, wird die Wissenschaft rückgebaut, also zurück ins 20. Jh. Das dauert, aber nun ist neuere Wissenschaft „Seifenblasen“ (Köhler 2018) Grenzwerte werden nach oben angepasst, oder rechtlich entwertet – Verschiebung von Gefahrenabwehr zu Vorsorge. Nun wird Sturm geblasen: weg damit, alles aufgeblasen, sagt einer, den man aufgeblasen hatte.

[1] Es gibt auch eine wirklich wissenschaftliche Überprüfung: Abgase und Zigarettenrauch in einer Prüfkammer „realtime“-Messaufzeichnung für Feinstaub, beide 8 min. Ergebnis: bei einem „Truck1“ liefert die Zigarette knapp das 10-Fache, bei „Truck2“ liefert die Zigarette nur die Hälfte, die Mittelwerte liefern für die Zigarette die gut doppelte Feinstaubbelastung. Frage: Wie weit kommt ein LKW in 8 min? in der Zeitung, die darüber berichtete stand: „Italienisches Forscherteam konnte … nachweisen, dass zwei Zigaretten mehr Feinstaub produzieren als ein Lakw“ (informier Dich, 30.03.2016) – tja, aber nur bei einem von 2 LKW und auch nur dann, wenn er nur 8 min läuft – wie weit kommt er damit??

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