Fehlbewertungen_2: Unterordnung der Grenzwerte

Wie findet man die chronische Wirkschwelle? Berühmt ist die Dokumentation der EPA (Environmental Protection Agency, am. Umweltbehörde) in Sachen Dioxin: 2 500 Seiten, allein die Auswertung über Hundert Seiten. Differenz zur alten Ableitung aus dem Tierversuch: Faktor 1000, Differenz zum deutschen Vorsorgewert: Faktor 100. Diese Differenzen entstehen durch die Akkumulation des Dioxin im Körper und eben die Erkenntnisse aus der Epidemiologie.

In „Kopfstand“ habe ich dargelegt, dass die Epidemiologie eine gesicherte Erkenntnis liefert, die nicht moderierbar ist, auch wenn sich Effekte unterhalb des Grenzwertes ergeben. Gesundheitliche Auffälligkeiten verlangen Handlungsbedarf. Die Unterschreitung des Grenzwertes ist dann lediglich ein Hinweis, dass dieser zu hoch ist. Das ist logisch und das ist auch rechtlich so festgelegt, denn Gesundheit ist rechtlich ein hohes Gut.

Doch in der Praxis wird oft das Gegenteil gutachterlich festgestellt. Das kann nie die ehrliche Meinung eines Gutachters sein. Denn jeder weiß, dass die Bestimmung der Wirkschwelle nicht genau sein kann und nur Wertebereiche liefert – wenn die Zehnerpotenz stimmt, ist das schon sehr gut. Mit anderen Worten, die Wirkschwelle ist keine belastbare Größe.

Der Grenzwert (bzw. die Richtwerte aller Art) ist immer ein Kompromiss. Man kann ihn nicht exakt messen, denn wie misst man „nichts“? – Der No-Effekt-Level ist immer Extrapolation. Als ich Prof. Romberg (bekannter Numeriker) im Rahmen meiner Dissertation fragte, wie man am sichersten extrapoliere, sagte er „gar nicht“. Das ist also schon mathematisch schwierig bzw. an der Grenze des Zulässigen.

Die Wirkschwelle ist außerdem eine individuelle Größe. Die Suszeptilität (Empfindlichkeit) streut über mehr als eine Zehnerpotenz. Toxikologische Faustregel ist, von einer Spreizung von einer Zehnerpotenz auszugehen (Sicherheitsfaktor 10, der dies bei der Ableitung berücksichtigen soll). Einzelbeobachtungen zeigen aber an, dass die Spreizung größer ist.

Also: Die Toxikologie liefert keine präzisen Daten (nur Wertebereiche). Dazu eine Begebenheit: Ich sollte für einen Großkonzern in einer Altlastensache ein Gutachten verfassen. Als es fertig war, bekam ich 24 Mängelrügen derart: „Es sollte deutlich werden, dass es auf die Dosis ankommt“. Meine Auftraggeber waren also noch nicht über den Paracelsus „Die Dosis macht das Gift“ von 1426 hinausgekommen.

Die Epidemiologie ist mathematisch exakt, wenn die Aussagesicherheit festgelegt ist, d. h. welche Irrtumswahrscheinlichkeit, die man in Kauf nehmen will.

Es ist Täuschung, eine Kausalität zu verneinen, wenn Schadstoff und Wirkcharakteristik stimmen und nur der Richtwert unterschritten ist. Denn dann bemisst man der „Dosis“ jene Exaktheit und Allgemeinheit bei, die sie nicht haben kann. Dies ist aber die Regel. Meist geht es soweit, dass gar die Kausalität ausgeschlossen wird.

Solchen Aussagen kommt man nicht bei, wenn man sie „unwissenschaftlich“ nennt. Wenn sich zwei der Unwissenschaftlichkeit zeihen, haben meist beide recht. Das weiß jeder und so wird es nicht ernst genommen. Das wäre auch nicht schlimm, denn schließlich ist es nicht verboten, sich zu blamieren.

Nein, solche Aussagen sind entweder Beihilfe zur Körperverletzung, etwa verschlimmert durch eine erzwungene psychiatrische Reha oder Prozessbetrug oder beides. Die Situation wird bestehen bleiben, solange Betroffene, Patientenorganisationen, Umweltverbände und andere Umweltschützer das falsche Thema „Wissenschaft“ ansprechen und das eigentliche Gebiet „Recht“ umgehen. Wer von vornherein das Thema verfehlt, kann nicht erwarten, dass sich etwas ändert.

 

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