Fehlbewertung_3: Grenzwerte und Wirkschwellen – Recht und Toxikologie

Die Situation wird dadurch kompliziert, dass Juristen anders denken als Naturwissenschaftler. Das gilt auch für das, was allgemein als „Grenzwerte“ bezeichnet wird. Die Juristen gehen von einem Gefahrenkontinuum aus. Von Null steigt die Gefahr mit der Steigerung von Stoffkonzentrationen, Radioaktivität, Lärm oder Funkstrahlung kontinuierlich an. Der unterste Bereich ist das Restrisiko – wird nicht geschützt, keine Rechte ableitbar. Der unterste Richtwert* wird der Vorsorge zugeordnet. Dieser ermöglicht Verwaltungsmaßnahmen, aber keine Klagerechte Dritter. Der nächste Richtwert ist der Gefahrenabwehr zugeordnet, berechtigt jedermann zur Klage und löst gegebenenfalls Abwehrmaßnahmen aus. Der Bereich dazwischen ist der Bereich des Gefahrenverdachtes. Dieses Bewertungsschema schließt genau das aus, was in der Mehrzahl der Gutachten geschieht. In diesem Bereich darf man eine Kausalität logischerweise nicht ausschließen. Schon aus diesem Grund sind viele Gutachten rechtsfehlerhaft.

Aber es kommt noch schlimmer. Toxikologisch ist, wie unter F_1 dargestellt, die unterste Wirkschwelle, die chronische. Es ist wohl die juristische Denkweise, dass eben diese nicht ernst genommen wird und dem Gros der Verantwortlichen nicht klar ist, dass sie damit der großen Anzahl der schweren Erkrankungen Vorschub leisten und den Opfern ihre Rechte und ihre Menschenwürde nehmen.

Es ist kein Wunder, dass die Frage nach der rechtlichen Wertigkeit in den Gutachten nie angesprochen wird (außer in meinen). Jene unterschiedliche Denkweise ist den einzelnen Autoren meist nicht präsent. Es ist auch eine Unklarheit hinter der man sich gut verstecken kann.

Den Vogel hat die Innenraumkommission (IRK) des Umweltbundesamtes (UBA) abgeschossen. Für die bislang geltende chronische Wirkschwelle von 200 µg TVOC/m³ (Lösemittel) wurde in einer Neubewertung festgelegt, dass Belastungen unterhalb unbedenklich seien. Die Belastungen oberhalb seien auch unbedenklich, es sei denn, ein Richtwert für eine Einzelsubstanz sei überschritten. Letzteres ist trivial, denn das gilt ohnehin immer.

Mit dieser Konstruktion ist erreicht, dass der Bereich des Gefahrenverdachtes nun „unbedenklich” ist. Der Widersinn hat einen gewichtigen Grund: Genau in diesem Bereich entstehen die meisten Kranken. Dies hätte man einräumen müssen. Der Widersinn war der gewählte Ausweg.

Die Konstruktion eines Richtwertes, dessen Überschreitung an der Unbedenklichkeit nichts ändert, ist wirklich eine Weltneuheit. Dass so etwas entsteht, ja überhaupt möglich ist, ist der tiefere Grund, warum eine so hohe Prävalenz chronischer Vergiftungen (oft beschönigend als Umweltkrankheiten benannt) vorkommen kann. Warnungen, und hier sind nur die wirklich gut fundierten gemeint, gibt es seit 1962. Aber die Debatte wird beherrscht von solch hanebüchenem Unfug, wie einem Richtwert, der die Unbedenklichkeit in zwei Teile teilt und das wird bei uns ernsthaft „wissenschaftlich“ diskutiert. Wenn schon der gesunde Menschenverstand getrübt wird, steht es wirklich schlimm.

 


* Grenzwerte sind juristisch nur solche, die in Gesetzen der Verordnungen ausdrücklich als solche genannt werden. Sie sind immer der Gefahrenabwehr zugeordnet

 

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Eine Antwort auf Fehlbewertung_3: Grenzwerte und Wirkschwellen – Recht und Toxikologie

  1. Katrin Hofmann sagt:

    Sehr geehrter Dr. Merz,

    seit 2003 bin als Flugbegleiterin bei der Lufthansa CityLine tätig.
    Am Anfang Februar bin ich richtig krank geworden. Mir war ständig schwindelig und ich hatte neurologische Probleme ( motorische Störungen). Nach 3 langen Monaten und zig verschiedene Ärzte bin ich wieder fliegen gegangen.
    Ich arbeitete nur 3 Tage. Dann musste ich wieder zum Arzt. Jetzt sind die Symptome schlimmer geworden. Definitiv habe ich eine TCP-Vergiftung. Nur stellen die Ärzte immer andere Diagnosen, so dass ich nicht weiss, was ich noch machen soll. Immer nur “unklare Genese”. Selbst beim Psychologen war ich schon.
    Jetzt werde ich wieder zu einem Flugmediziner gehen und versuchen, eine Verdachtsanzeige für Berufserkrankung 1307 ( intoxikation, CO2 usw) zu erwirken.
    Nur habe ich das Gefühl, das die Lufthansa und die Ärzte unter einer Decke stecken.
    Denn, ich war schon bei allen Ärzten, wie Neurologen und auch in der Notaufnahme im Diakoniekrankenhaus Rothenburg/Wümme, sowie auch in Eppendorf. Nirgendwo wurde mir geholfen.
    Ich schreibe Ihnen, weil ich Hilfe brauche, dieses zu beweisen. Vielleicht kennen Sie auch einen loyalen Mediziner, welcher mir helfen könnte? Wie kann mir die Berufsgenossenschaft helfen?

    Ich bitte Sie um einen Rat.

    Mit freundlichen Grüssen

    Katrin Hofmann

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