Fehlbewertungen_4: Inhalativ:ingestiv – 1000:1

Das Eingeatmete steigt zu Kopf, das Geschluckte liegt schwer im Magen. Toxikologisch muss man anfügen, dass es das Geschluckte in Magen und Darm und vor allem in der Leber mit harten Gegnern zu tun bekommt: Der geballten Macht des Detoxsystems. Unsere Entgiftung ist sehr effektiv, (auch wenn wir es seit dem 2. Weltkrieg geschafft haben, auch diese Kapazität voll auszureizen), ansonsten würde uns die normale Verdauung vergiften. Aber eben darauf ist das System auch ausgerichtet. Auf dem Weg, von der Lunge zum Kopf dagegen, stellen sich evtuellen Neurotoxika nichts in den Weg.

Wer meint, die „Dosis macht das Gift” (Paracelsus 1426) genügt zu wissen, der macht gewaltige Fehler. Der Aufnahmeweg moderiert die Wirkung entscheidend.

In einer Doktorarbeit hatten Chemiker gezeigt, dass Pyrethroide eingeatmet nicht jene typischen Metabolitenausleitung* im Urin erzeugen, die sich bei ingestiver Aufnahme sonst sehr schnell nachweisen lassen. Es wird also nicht abgebaut und bleibt im Körper. Die entscheidende, innere Dosis ist also viel größer. Die hatten wir mit tausendfach abgeschätzt.

Der Basiswert für die Toxikologie ist bis heute der ADI (Acceptable Daily Intake, eingedeutscht: DTA, duldbare tägliche Aufnahmen), angegeben in Dosis pro Kilogramm Körpergewicht. Er stammt immer aus einem zweijährigen Fütterungsversuch mit der Ratte. Damit glaubt man jeden Langzeiteffekt erfasst zu haben. Der ADI gilt als lebenslang verträglich. Er wird auch oft auf die Atmung angewandt (Ansatz 20 m³ Atemvolumen/d). Diese ADI-Werte sind oft uralt. Verschärfend kommt hinzu, dass die Ratte ein besserer Entgifter ist als der Mensch (bei Dioxin ist der Unterschied ein Faktor 100). Der Fehler durch Anwendung des ADI kann also noch höher als ein Faktor 1000 sein.

Der bisherige Rekord in einem Gutachten, den mein Archiv zu bieten hat, lag über einem Faktor 1 000 000 (in Worten: eine Million). Dabei sind gar nicht alle Mängel strengstens berücksichtigt; der Fehler lag eher höher. Aber dank einer katastrophalen anwaltlichen Leistung, hat das Gericht diesen kleinen Fehler bei der Dosisberechnung ignoriert. Der Fehler des Anwalts: Er beherzigte nicht die Regel: Frage nie etwas, dessen Antwort du nicht genau weißt. So hat er den Gutachter aufgebaut, statt ihn Zehnerpotenz für Zehnerpotenz zu demontieren. Denn es ist ja so, was unglaublich ist, lässt sich nur mit Mühe glaubhaft darstellen. Gerichte verlassen sich auf den Gutachter, denn in solchen Versicherungsfällen entscheidet der allein.

Packen kann man einen Gutachter gut bei den Zahlen. Nichts ist so überzeugend, wie die Zahl. Aber, Jusititia non calcat! Solche Fehler bieten nur die Chance; man muss sie dann schon mit aller Konzentration nutzen.

siehe auch “Fehlbewertung_3: Grenzwerte und Richtschwellen – Recht und Toxikologie”

siehe auch “Fehlbewertung_2: Unterordnung der Grenzwerte”

siehe auch “Fehlbewertung_1: chronische Wirkschwellen 1/1000 der aktuen”


* Metabolismus ist der Stoffwechsel, Pyrethroide werden gespalten (Ester).

 

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