Ärzte-Odyssee und die Diagnose Sick-Building-Syndrom (SBS)

Die Ärzteodysse ist die Via Dolorosa der Umweltkranken. Oft wird sie als „Ärztehopping“ verspottet, weil die deutsche Schulmedizin chronische Vergiftungen als Einbildung disqualifiziert. Demgegenüber ist festzustellen, dass es für diese „Einbildung“ eine definierte Diagnose gibt, nämlich das SBS nach WHO 1982. Das wissen aber die Mediziner nicht oder sie haben deren Bedeutung nicht verstanden.

Für mich als Gutachter hat sich diese Definition seit Jahrzehnten Akte für Akte als Kompass bewährt, nachdem die Betroffenen beim HNO-Arzt, beim Pulmologen, beim Pneumologen, beim Augenarzt und beim Neurologen und sogar beim Psychiater waren – von denen keiner den Zusammenhang erkannt hat, ja auf Vorhalt den Patienten ausgelacht hat.

Auch das „Building“ ist ein klarer Hinweis. Da die toxische Belastung in den Gebäuden höher ist als in der Außenluft, dominieren auch deren vorrangigen Schadstoffe die Umweltmedizin. Dominant sind die VOC (Volatile Organic Compounds, flüchtige organische Stoffe, z. B. Lösemittel, Spaltprodukte oder Pyrolyseprodukte) aus Farben, Klebern, Dichtungsmassen oder aus Tonern ausgeheizt.

Das SBS ist die erste Definition einer Erkrankung durch chronische Intoxikationen im Niedrigdosisbereich. Mit der Klassifizierung T75.8 ist sie im Thesaurus der international anerkannten Diagnosen, ICD (International Classifikation of Diseases) dem Kapitel Verletzungen, Vergiftungen zugeordnet. Die SBS-Definition ist bestes Scheidewasser für die Frage nach toxischer oder nichttoxischer Ätiologie bei komplexen Krankheitsbildern. Hier ist der WHO auf Anhieb ein großer Wurf gelungen.

Definition des Sick-Building-Syndrom (SBS) – Diagnosekriterien
– WHO 1982 – ICD-10: T75.8 Kapitel 19 – Verletzungen, Vergiftungen

Haut:              Trockenheit, Reizungen, Juckreiz, Ausschlag
Augen:          Brennen, Rötung, Bindehautreizung, Tränenfluss
Nase:             Trockenheit, Schnupfen, Reizung
Rachen:        Kratzen, Heiserkeit, Trockenheit
Atemwege:    Reizhusten, unspezifische Überempfindlichkeit, Infektanfälligkeit
ZNS:              Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Gedächtnisstörung, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen, rheumatische Beschwerden.

Wäre diese Definition, die Ur-Definition für chronische Vergiftung in der deutschen Ärzteschaft bekannt und zwar als gültige wissenschaftlich anerkannte Definition einer Erkrankung mit chronisch-toxischer Ätiologie, dann gäbe es weniger toxische Invaliden, denn dann würden notwendige Maßnahmen ergriffen und zwar rechtzeitig ergriffen.

Intoxikationen stören die Steuerprozesse des Organismus: Nerven- und Immunsystem sowie das Endokrinium, es sind immer viele Organe betroffen. Das Krankheitsbild im Spiegel seiner Diagnosen zeigt toxische Reaktionen aller Kontaktflächen des Organismus mit der Umwelt: erst die Schleimhäute, dann die oberen Atemwege, bei manchen der Magen-Darm-Trakt und schließlich die Zentrale: das ZNS. Diese Reaktionen erfolgen zeitversetzt. Meist sind die Folgen der Schleimhautreizungen reversibel nach Expositionsende. Zwei Schädigungen chronifizieren in der Regel: Die Schädigungen der oberen Atemwege können zu einem hyperreagiblen Bronchialsystem (HRB, Ziffer 8.5 der VersmedV) im Sinn eines Asthma bronchiale chronifizieren, also zu einer BK 4301 und/oder BK 4302 führen.

Die Nervenschäden chronifizieren zur toxischen Enzephalopathie (TE) oder zu einem Hirnorganischen Psychosyndrom (HOPS), sowie zu einer toxischen Polyneuropathie (TPNP). Das autonome Nervensystem (ANS) gehört zum PNS (Peripheres Nervensystem). In vielen Fällen ist eine Störung des ANS – Herzrhythmusstörungen, Herzrasen, etc. – ein Frühanzeiger einer TPNP. Mit anderen Worten die kardiologischen Probleme treten sehr früh auf und die Störungen der äußeren Nerven mit Parästhesien treten zeitverzögert auf. Erst später lässt sich die TPNP durch Störungen der Nervenleitgeschwindigkeit bestätigen. Die TPNP ist dann schon im vorgeschrittenen Stadium.

Die häufigste Fehldiagnose für die TE ist Depression (Singer 1990). Diese Verwechslung wird dann zur Verlegenheitsdiagnose einer psychischen Störung genutzt. Es ist auffällig, wie oft in der Öffentlichkeit eine angeblich sich ausbreitende Volkskrankheit Depression oder überhaupt ein wachsender psychischer Krankenstand periodisch diskutiert wird. Nie gibt es einen vernünftigen Hinweis auf die Ursache. Vielleicht ist ja die sinkende Qualität der TV-Programme schuld? Oder?

Eines der integralen Bestandteile der Toxischen Enzephalopathie sind Schlafstörungen mit der Folge chronischer Müdigkeit. Neulich war im Radio zu hören, die DAK hätte festgestellt, dass 77% aller Werktätigen unter Schlafstörungen litten. Das hat natürlich auch nichts mit der steigenden toxischen Belastung zu tun, oder?

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