Praktische Probleme bei der Diagnose

Wir – ein Umweltarzt, ein Anwalt und ich – hatten eine Ärzteinformation geschrieben, CSN hat sie gestaltet und vertrieben. Sie wurde wohl gut verbreitet, aber falsch verwendet. Sie war nicht gedacht als Problemlöser ohne Anstrengung, sondern als Handhabe gegenüber solchen, die Wissenschaftlichkeit fordern. Denen soll damit gezeigt werden, dass sie sich schlau machen müssen.

Für den Diagnostiker sind viele Symptome (große Anzahl) lästig. Da liegt die Idee nahe, dass der Patient „spinnt“. Prof. Heuser, renommierter Umweltmediziner aus Los Angeles hat noch in seinem Studium gelernt: „Wenn ein Patient mehr als vier Symptome äußert, schicken Sie ihn zum Psychiater.“ (Vortrag Bonn 1997). Ein WHO-Kongress (Kopenhagen 1985) hat sich die Mühe gemacht die vielen Symptome durch Neurotoxika zu ordnen und ein charakteristisches Muster herauszuarbeiten. Denn die auf den ersten Blick chaotische Vielfalt hat Struktur. Sie ist auch Indiz auf eine chronische Intoxikation. Die Wissenschaft weiß es, die deutsche Ärzteschaft nicht.

Vielfach sind die Frontlappen des Hirns unterversorgt. Dort ist die Planausführung untergebracht. Die Patienten beenden keinen Satz und werden von der Panik getrieben, etwas Wichtiges zu vergessen. Sie wissen nicht, worauf es ankommt, und sitzen einem Arzt gegenüber der es auch nicht weiß. Der tut seinen Patienten keinen Gefallen, indem er seine Unsicherheit überspielt.

In Akten spiegelt sich das durch etliche Selbstdarstellungen und der Ärzteodyssee wieder. Dies als Ärztehopping zu verspotten ist reine Menschenverachtung: man lässt sie allein und interpretiert ihre Verzweiflung als Obsession.

Die Anwendung der Diagnosekriterien des SBS und der TE schaffen in jeder noch so komplexen Akte rasch Klarheit. Zur Sicherheit hilft die Ätiologie, der Verlauf. Es hilft etwa Schleimhautreizungen, die schon zurückliegen und vergessen sind, abzufragen. Für die TE hat Singer eine sehr klare Ätiologie geschaffen (Singer 1990, S. 8): zuerst die psychischen, dann die mentalen Dysfunktionen. Der Betroffene merkt es zuletzt. Deshalb ist der Vorwurf der Einbildung so abwegig. Sehr hilfreich ist für jenen Umstand die Fremdanamnese – „Ich habe einen ganz anderen Mann geheiratet.“ fiel einmal in einer solchen.

Der Verlauf der TE:

  • Persönlichkeitsveränderungen:
    1. Reizbarkeit,
    2. Sozialer Rückzug,
    3. Demotivation (Störung der ausführenden Funktionen)
  • Mentale Veränderungen:
    1. Probleme des Kurzzeitgedächtnisses.
    2. Konzentrationsstörungen,
    3. Mentale Langsamkeit,
  • Schlafstörungen,
  • chronische Müdigkeit,
  • Kopfschmerzen,
  • Geschlechtliche Dysfunktionen,
  • Taubheitsgefühle in Händen und Füßen,
  • Erkenntnis der mentalen Verluste.

[Singer 1990, S. 3, Anger & Johnson 1985]

In den Stufen 3) und 4) bildet sich das Krankheitsbild CFS heraus. Ob und inwieweit dann dieses Krankheitsbild dominiert hängt, von Faktoren ab, die gegenüber der primären Schädigung sekundär sind. Die Stufe 7) bedeutet, dass die Polyneuropathie erst sehr spät nachweisbar ist. Denn die TPNP eine axonale Schädigung. Es gibt allerdings eine Ausnahme, nämlich wenn das autonome Nervensystem (ANS) reagiert (Herzrasen, Herzrhythmusstörungen). Dies tut es nicht in allen Fällen, dann aber sehr früh (Frühsymptom). Dieser Verlauf zeigt die Entstehung der Schweregrade TE1 bis TE2A . (Link zur Definition)  An die Stufe 7) schließt sich in der weiteren Entwicklung die Koordinationsstörungen an (Ataxie, Tremor, Schwindel) – die TE2B. Danach folgt dann die TE3/Demenz, nachweisbar im MRT (erweiterte Liquor-Räume = Hirnschrumpfung).

Das ist noch nicht alles.

Der Mensch hat eine Individualität auch in seiner biochemischen Natur. Die Toxine verändern den systemischen Apparat. Alle Steuersysteme des Organismus sind betroffen: Immun- und Nervensystem, sowie das Endokrinum (Hormonsystem). So sind alle inneren Informationen gestört. Dabei werden die Schwächen des Menschen vertieft und seine Stärken abgebaut. Der Giftcocktail, der das Gegenteil bewirkt, hat die Menschheit seit Jahrtausenden gesucht und nie gefunden.

Persönlichkeitsveränderung ist eines der ersten Anzeichen ((vgl. Singer 1990, S. 8)). Das hängt enger zusammen, als wir heute präzise beschreiben können.

Jedenfalls ist die Persönlichkeit verändert und die Biochemie auch. Die Reserven der Entgiftung sind geplündert. So finden sich Defizite bei Vitaminen, Mineralien, essentiellen Amino- und Fettsäuren, Antioxidantien ganz allgemein, anti-inflammatorischen Parametern. Dagegen sind die Parameter der Inflammation erhöht. Das wird in der Regel begleitet durch spezifische Allergien, erhöhte NO-Werte, erniedrigte ATP, usw. usf. um nur die wichtigsten Gruppen zu nennen. Bei jedem Patienten findet sich eine andere Mischung von adversen Ergebnissen – „Which one?“ fragte Prof. Rea zurück, als er nach den pathologischen Parametern von MCS-Patienten gefragt wurde, also „Welchen meinen Sie?“ und das bei einem Fundus –einem Erfahrungshorizont – von 20 000 Patienten. Gefragt hatte kein geringerer als Prof. Ashford vom MIT (Ashford & Miller 1998).

Das ist immer noch nicht alles.

Vielfach bewirken chronische Intoxikationen eine Mischung der drei Krankheiten CFS, TE und MCS. Empfindlichkeit gegenüber Toxinen bei einer Dauerbelastung von Monaten oder Jahren sollte eigentlich nicht überraschen, stets wird die Atmungskette beschädigt und Folge ist die Mitochondriopathie (Störung der Energieversorgung der Zellen, deren Pathomechanismen seit 1999 aufgeklärt sind) und schließlich sind Schlafstörungen / Müdigkeit integraler Bestandteil bei einer toxischen Nervenschädigung – in Stufe 3 + 4 bei Singer (s. o.). Gemeinsam ist diesen die systemische Entzündung.

Diese Krankheiten, so bunt die Klinik und die Laborergebnisse sind – sind weder rätselhaft noch wissenschaftlich ungeklärt. Sie sind definiert und wichtige grundlegende Pathomechanismen mittlerweile bekannt. Dieses Wissen muss nur angewandt werden. Die Probleme liegen darin, dass dies nicht geschieht – nur daran.

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