„Psycho” kostet mehr als 50 Milliarden jährlich

Wenn man etwas falsch macht, kostet es meist mehr, auch wenn richtigmachen schon teuer ist. Die neue Debatte hat den Namen Burnout. In den Nachrichten wurde erzählt, psychische Erkrankungen würden in der Arbeitswelt zunehmen. Die IG-Metall weist aus: 27 Milliarden Euro Behandlungskosten (Quelle: Statistisches Bundesamt), Produktionsausfall wird mit 26 Milliarden Euro beziffert (Quelle: BKK-Bundesverband). Eine Umfrage bei den Betriebsräten ergab einen „starken Anstieg” , von 2004 bis 2010 um das Zehnfache. Der Spiegel beschäftigt sich lieber mit Promis (Rangnik, Hannawald, …). Alle sind sich einig, „es gibt keine Standarddiagnose”, „diffuses” Krankheitsbild, Sven Hannawald war beim Sportmediziner: „Blut abgenommen und alles, es gab keine Ergebnisse.” Nicht selten verberge sich dahinter eine „handfeste Depression“. Raymond Singer, der weltweit bekannte Neurologe, schrieb in seiner „Neuropsychological Toxikologie” (man beachte das Hauptwort heißt Toxikologie!), dass Depression die häufigste Fehldiagnose für eine toxische Enzephalopathie ist (TE = Hirnvergiftung). Das wurde 1990 publiziert. In den Einerjahren (2000 bis 2010) wurde viel über die Volkskrankheit Depression spekuliert, heute heißt das Spekulationsobjekt Burnout. Falsch ist die medizinische Hilflosigkeit: Wird der Burnout chronisch heißt die Krankheit CFS. Diese, genauso wie die TE, sind beide medizinisch-wissenschaftlich definiert (der Spiegel nennt das Standarddiagnose) und beide sind gemäß WHO anerkannt (ICD-10 Klassifikation: G93.3 20(CFS) G92.0 (TE)). Das „anerkannt” bezieht sich auf den Rechtsbegriff des „allgemein anerkannten Stand der Wissenschaftlichen Erkenntnis”. Die Diskussion darüber blendet Wissenschaft und Recht aus: Das macht die Sache so teuer und für die Betroffenen zum katastrophalen Schicksal. Um das in seiner ganzen Tiefe zu erkennen, sind folgende Details wichtig:

Näher an der Wahrheit war das Hamburger Abendblatt (28.09): Es zitiert einen Psychiater, der vor allem von Erschöpfung spricht. Das weiß die Psychiatrie schon lange, dass Depression eine (seelische) Erschöpfung ist. Der Rat “häng’ nicht ‘rum, unternimm’ ‘was” war schon immer kontraproduktiv. Burnout unterscheidet sich von CFS dadurch, dass man sich vom Burnout erholen kann. Gelingt das innerhalb von sechs Monaten nicht, ist es CFS, d. h. es hat sich chronifiziert. Das ist die Definition:

Hauptkriterien: rezidivierende, paralysierende Müdigkeit (Leistungsverlust > 50%), ohne Verschwinden durch Bettruhe, über mehr als sechs Monate, Ausschluss anderer Erkrankungen.
Nebenkriterien: Schlafstörungen, zeitweilig Temperatur nicht über 38,6 °C, Halsschmerzen, Lymphknotenschwellungen, Muskelschwäche, Myalgien, Arthalgien, Erschöpfung ohne Belastung, Reizbarkeit, Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Photophobie, Pharyngitis.

Das ist keineswegs diffus. Zur Klinik gehört auch der Verlauf. Das „plötzlich nichts mehr geht”, dieser Gong-Effekt, wie etliche Promis bei Spiegel online berichten, ist typisch. Nichts an diesen Krankheitsbildern ist neu, nichts ist unbekannt.

Seit Ende der 90er Jahre ist auch der grundlegende Pathomechnanismus aufgeklärt. Er heißt Mitochondriopathie. Die Mitochondrien sind Sonderbereiche in der Zelle (im Zytosol), die für die Lieferung biochemischer Energie zuständig sind. Sie sind das biochemische Ende der Atmungskette und machen aus Fett und Kohlehydraten Energie. Da die Nervenzellen mit Abstand die Zellen sind, die den höchsten Energieverbrauch haben, ist obiges Krankheitsbild die logische Folge. Es entsteht nun ein pathologischer Kreisprozess. Der Entdecker Pall nannte ihn ursprünglich „feedforward-cycle” (feedforward ist das Gegenteil von feedback, also etwa: Selbstläufer). Er bleibt, auch wenn die Ursache nicht mehr besteht (etwa die Gifte ausgeleitet wurden). Deshalb wird er auch Circulus vitiosus genannt. Das macht die Therapie so schwierig.

Die Diagnose dagegen ist leicht. Typisch ist eine erhöhte Konzentration von Stickstoffmonoxid (NO). Messbar direkt in der Atemluft oder indirekt durch Nitroverbindungen, die es erzeugt (etwa Nitrotyrosin). Die Mitochondriopathie ist also qualitativ wie quantitativ laborchemisch zugänglich. Mit dem üblichen großen Blutbild kommt man der Krankheit freilich nicht bei (das ist zumeist „unauffällig”).

Mit dem Psychounfug, der in Deutschland seit der Erfindung des Ökochonders 1995 die normale Rhetorik darstellt (bei den Wissenschaftsredaktionen der großen Zeitschriften war bisher nichts zu machen), wird seit 16 Jahren jede vernünftige medizinisch-wissenschaftliche Diskussion unterbunden und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den „Volkskrankheiten” werden erfolgreich vernichtet.

Wenn die IG-Metall sagt, bei allen klassischen Gesundheitsgefährdungen wie Gefahrstoffen oder Lärm gäbe es konkrete Präventionsregeln, bei arbeitsbedingtem Stress jedoch nicht, dann hat sie noch nicht realisiert, dass die offensichtlich Vergifteten meist ihre Rente nicht bekommen, weil sie auf die Psychoschiene abgeschoben werden. Nun wird gleich ein Großteil der Burnout/CFS – Patienten sozusagen pauschal als psychisch krank oder stresskrank in die Ecke der Erkrankungen geschoben, bei denen man halt nichts machen kann.

Die Ursachen für die Mitochondriopathie wird von Pall wie folgt angegeben: Infektionen (unausgeheilte, Borreliose), Allergien, Toxine, Stress. Es geht also primär um das Immunsystem, den oxidativen Stress, systemische Entzündung, chemisch-immunologische Nervenreizung und allergische Kaskaden. Dass freilich sozialer Stress dem nicht gut tut, ist unbestritten. Der enorme Anstieg der Erkrankungen ist aber dem Mix geschuldet. Auch die Allergien sind gestiegen. Um dem schlussendlich noch die Krone aufzusetzen. Etliche Psychiater (Bell, Mackarness, Rapp) haben sich schon in den 80er Jahren damit beschäftigt, dass viele Allergien (Nahrungsmittel, Schimmel) schwere psychische Reaktionen auslösen können, bis hin zur Psychose.

Diese Rhetorik über Psycho und Stress ist unverantwortlich, ist unmittelbar verantwortlich für die Entstehung sogenannter hoffnungsloser Fälle, falscher Einweisung in die Psychiatrie schadet dem Arbeitsleben und kostet die Wirtschaft weit mehr als diese 53 Milliarden Euro. Mit „Zeitbombe” hat die IG-Metall recht, aber sie spielt selbst noch mit dem Zünder, ohne das zu wollen und zu wissen.

 


[1] Schubweise wiederkehrend und lähmende, nicht entspannende Müdigkeit, Myalgie = Muskelschmerzen, Arthalgie = Gelenkschmerz, Pharyngitis = Entz. des Rachenraumes

 

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7 Antworten auf „Psycho” kostet mehr als 50 Milliarden jährlich

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  2. Giacomelli, Bernd sagt:

    Ich habe den Beitrag über “Psycho” und Burnout in den CSN – nachrichten entdeckt.

    Ich finde es schlimm, wie die Gesundheitsverantwortlichen mit den Krankheiten von Hunderttausenden umgehen! Da die Krankheiten schnell über mehrere Jahre wachsen, hängen sie von der Konjunktur nicht ab! Da Berufstätige in der Hochkonjunktur zufrieden sind – wachsende Umsätze, steigendes Gehalt -, müsste der burnout in dieser Phase stark sinken! Dies müsste dem Schulmediziner zu denken geben! –
    Die im Artikel genannten Jahre sind gerade die Jahre des rasanten Anstiegs der Hochfrequenz im täglichen Leben – Sendeanlage auf dem Dach, Funktelefon und WLAN zu Hause usw.! Das gehört zu “Toxisch” und vor allem zu den Nerveneinflüssen!
    BG 06.10.2011

  3. Mona Mondelli sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Merz,
    ich bin seit 6 Jahren an CFS erkrankt und relativ bald darauf berentet worden. Meine Diagnose habe ich in einer Klinik für Immunologie erhalten und wurde sehr gut von den Ärzten über die Erkrankung aufgeklärt.
    Sehr verwundert war ich dann als ich mir psychotherapeutische Hilfe suchte zum Umgang mit der Krankheit. Das was ich dort gesagt und angeordnet bekommen habe war sehr widersprüchlich zu dem was ich vorher in den Aufklärungsgesprächen gesagt bekommen habe. Es war vor allem bei CFS schlichtweg nicht anwendbar und wenig alltagstauglich. Manche Dinge haben mir auch echt geschadet. Nach etlichen Kliniken bin ich zu der Auffassung gekommen, dass es in Deutschland so gut wie unmöglich ist kompetente psychotherapeutische Hilfe bei CFS zu erhalten (Ausnahme 1 Klinik).
    Eins habe ich aber gelernt. Ich lasse mich nicht unterkriegen und habe gelernt zu kämpfen und Missstände anzusprechen.
    Die Renten- und Behindertenanträge stressen mich sehr. Ich profitiere da sehr von Ihren Artikeln. Erstens inspirieren sie mich in meinem Kampf um Rechte und sie motivieren mich dranzubleiben und nicht aufzugeben.
    Vielen Dank dafür!

    • Gudrun Stadtlaender sagt:

      Ich würde gerne wissen, wie die Klinik heisst und wo sie sich befindet. Ich habe drei
      gutaussehende, aber sehr belastete Wohnungen bewohnt und wieder verlassen.
      Ich bin finanziell und gesundheitlich ruiniert und wollte jetzt wieder eine neue Wohnung anmieten, bei der ich jetzt aber wieder den bitteren Geschmack im Mund
      habe, wie bei dem belasteten Reihenhaus. Ich weiss nicht mehr weiter, denn ich sitze mittlerweile im Rollstuhl und weiss nicht wohin?

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