Symptome – große Vielfalt ist meist toxisch

Es ist wohl so, dass die Debatte wieder von vorn beginnt. Eine neue Website bietet allen, deren Ärzte – hilflos oder arrogant – die Köpfe schütteln, ein Forum des Austausches und des Miteinanders (www.symptome.ch). Man sieht, es ist ein allgemeines Bedürfnis.

Deshalb muss den Mitgliedern rechtzeitig gesagt werden, dass große Symptomvielfalt ein Hinweis auf eine chronische Vergiftung ist (andere Ätiologie ist die Ausnahme, Vergiftung das Massenphänomen, Psycho ist Unfug). Das ist der allgemein anerkannte Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis. Letzteres ist ein Rechtsbegriff und zeigt, dass dies auch rechtliche Wirkung entfaltet. Doch zunächst: Warum ist das so und wer hat das anerkannt? Gifte stören ein, zwei oder alle drei Steuerungsmechanismen des Organismus: Immun- und Nervensystem und das Endokrinum (Hormone). So erklärt sich sofort die Symptomvielfalt. Der Umweltbeirat (Sachverständigenbeirat Umwelt (SRU), Bundesebene) hat bereits 1987 in einem Umweltgutachten festgestellt, dass die Symptome chronischer Vergiftung durchweg unspezifisch sind und dass für etliche Umweltsubstanzen die Wirkschwelle allgemein – d. h. im Durchschnitt – erreicht ist. Das mit dem Psycho wurde erst Mitte der 90er Jahre erfunden und ist die größte menschliche Niederträchtigkeit Ende des letzten Jahrhunderts. Wissenschaftlich gesehen wurden in der Erlanger Studie (1995, Autor T. Kraus) Ursache und Wirkung vertauscht. Die Umweltgifte schädigen die Nerven und damit auch die psychischen Funktionen. So hatten die Umweltkranken den Schaden und den Spott. Die Studie widerspricht dem hypokratischen Eid und der Verfassung (Art. 2,2; körperliche Unversehrtheit). Je öfter man sie wiederholt, desto begründeter erscheint die Psychothese – es kann ja nichts anderes herauskommen. So ist es gemacht worden.

Vor der Betrachtung der Symptommuster muss noch darauf hingewiesen werden, dass jene Ausgrenzung, ja gar Beschimpfung der chronisch Kranken Körperverletzung darstellt. Schon die Vernachlässigung von Kranken gilt als schädigend (das geschieht praktisch in 99% aller Praxen und Kliniken), eine Diffamierung gar ist aktive Verletzung.

Kommen wir zur Wissenschaft zurück: Die einzelnen Symptome sind durchweg unspezifisch (SRU). Dennoch zeigen die Umwelterkrankungen wiederkehrende Muster und diese wiederkehrenden Muster sind als anerkannte Diagnosekriterien festgelegt: TE, TPNP, MCS, CFS, FM. Dazu haben wir (Workshop Anerkennungsverfahren in Zusammenarbeit mit CSN) ein Infoblatt herausgegeben. Das hat schon große Verbreitung gefunden. Trotzdem sei noch einmal der Sinn erklärt: Die Patienten können damit zu ihrem Arzt gehen (der wird Ausreden suchen und auch finden). Die Ärzteinfo sagt: Der Patient mit den vielen Symptomen ist wissenschaftlich im Recht; es ist am Arzt sich schlau zu machen. (Das gleiche gilt für den Anwalt: Mithilfe von ICD-Nr. und Diagnosekriterien kann man Prozesse im eigenen Sinne gestalten): aerzteinfo_edited_5

Vertiefendes dazu in diesem Blog und im CSN-Gästeblog.

Rückschlüsse auf Gift sind auch entsprechend unspezifisch. Anerkannt ist etwa die toxische Enzephalopathie durch Lösemittel. Für MCS sind viele Substanzen gesichert (s. MCS-Blog) Für CFS ist naturgemäß – Störung der Atmungskette durch oxidativen Stress – die Liste besonders lang. Aber diese Frage ist letztlich akademisch. Weniger akademisch ist die Frage nach Parametern der Diagnostik zur Lenkung der Therapie. Auch hier keine (nur ganz wenige) spezifischen Parameter; die Interpretation der Muster ist die Kunst: Diagnose und Therapie unter Funktioneller Medizin (FM) – die Medizin der chronischen Krankheiten.

Eine Motivation zu diesem Artikel war auch ein Schreck: Ich dachte, meine Güte, fängt die Debatte schon wieder von vorn an? Symptomvielfalt, Skepsis der Umgebung, Hilflosigkeit der Ärzte und das Einschüchtern der Betroffenen und keiner kennt die Diagnosen, keiner kennt die Wissenschaft, alle glauben, das sei selten und etwas Neues. In den letzten 20 Jahren haben die Betroffenen gerade in diesen Punkten den falschen geglaubt; das muss sich ändern: So schwierig die therapeutischen Strategien sind (und langwierig), das ist noch nichts gegen die Heilung der Gesellschaft von ihren Vorurteilen – wenigstens die Betroffen sollten damit anfangen, sonst tut es nämlich keiner für euch !!

 

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9 Antworten auf Symptome – große Vielfalt ist meist toxisch

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  3. Hans Woestner sagt:

    Hallo Herr Dr. Merz,

    vor Jahren hatten wir über unseren Hamburger Bekannten Harald H. („Journalist“ mit den zwei aa hinter dem H und den folgenden Buchstaben ck) wegen der Erkrankung meiner Frau Kontakt.

    „Hans Woestner“ ist nicht mein Klarname, denn ich will verhindern, dass möglicherweise über Suchmaschinen diese Zuschrift in Zusammenhang mit meinem Namen auftaucht. Meinen Klarnamen nenne ich aber gerne in einer persönlichen Mail.

    Ihren Artikel finde ich sehr interessant und auch zutreffend.

    Nur habe ich bei einigen MCS-Betroffenen den Eindruck, dass infolge der MCS und der dadurch bedingten Vereinsamung (Rückzug von Bekanten und Verwandten!) psychische Probleme aufgetreten sind. Und bei diesen psychischen Problemen kann durchaus eine Art Psychotherapie angebracht sein.

    Bloß welcher Therapeut ist für eine solche Therapie genug qualifiziert?

    Meine Frau hat gute Erfahrungen mit einer praktischen Ärztin, die Homöopathie anbietet, gemacht. Wichtig war hier vor allen Dingen das Gespräch.
    Ein Empfänger von Arbeitslosengeld 2 wird sich das aber nicht leisten können.

    Auch die Wiederaufnahme von Kontakten zu „alten“ Bekannten und Besuche bei diesen und auch bei Verwandten – ohne anschließende MCS-typische Reaktionen – war für die Psyche meiner Frau sehr wohltuend.

    Zugegeben, wir haben bzw. hatten nur zu wenigen MCS-Betroffenen Kontakt.
    Und hier stellten wir fest, dass Betroffene, die sich außer ihrer Krankheit auch mit anderen Dingen beschäftigen – oder sogar noch am Arbeitsmarkt aktiv sind, – keine behandlungsbedürftigen psychischen Beeinträchtigen haben.

    Ich kenne aber Betroffene, die sich nur mit ihrer Krankheit beschäftigen und jeden Ratschlag (aus eigener guter Erfahrung heraus) ablehnen.

    Und dann kommt bei manchen Betroffenen Panik auf, wenn lediglich etwas über „Duft“ gelesen wird.

    Ein Eintrag hierzu im CSN-Forum ist typisch:

    „Meine Freundin rief mich grad an und berichtet über die neue Postwurfsendung von Lenor – es hat sie förmlich von den Füßen gezogen, Briefkasteneinwurf, Hausflur, … alles beduftet mit dem \”sinnlichen Wäschegenuss\”

    Beduftete Postkarten mit Reklame für das neue Vollwaschmittel inclusive Weichspüler mit Duft von Lenor – mit Rubbelfläche, um den Duft zu \”genießen\”

    Das geht einfach zu weit!“

    Eine „Bekannte“ hat seinerzeit als die Deutsche Post Aufkleber anbot, die beim Rubbeln dufteten, behauptet, sie sei ohnmächtig geworden, als ihr der Briefträger einen Brief mit eben diesem Aufkleber überreicht hat.
    Auch das ist ein Beispiel, das mich nicht mehr wundern lässt, wenn Gutachter behaupten, MCS sei psychisch bedingt.

    Im CSN-Forum würde ich mit meinen Thesen zum Teufel gejagt werden – eine Diskussion ist dort nicht möglich.

    Mit freundlichen Grüßen

    H. W.

  4. Edith Rhoden sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Merz
    Als bei mir eine Lymphknoten Extirpation vorgenommen werden sollte, bat ich darum, das Gewebe nicht nur histologisch sondern auch toxikologisch zu untersuchen, da die Ursache (meiner Meinung nach) SBS ist. Der Arzt: “Hör’n sie doch auf mit Umweltgiften. Seien Sie doch froh, wenn sie am Ende keinen Krebs haben.” Hätte ich damals Kenntnis von Ihrem Blog gehabt, so hätte ich mich anders verhalten können. So fiel mir nur die Kinnlade runter. Morgen begebe ich mich “bewaffnet” mit Ihren Informationen stationär ins Krankenhaus. Leider glaube ich kaum, dass einem der Ärzte die Kinnlade runterfallen wird – sie werden sich wie die Aale winden. Sollte ich tatsächlich meine “F” Diagnose revidiert bekommen (ursprünglich hatte ich V.a. T- 78.4,)dann wird, glaube ich, ein Freudenschrei durch diese (Bananen)Republik hallen.
    MfG
    Edith Rhoden

  5. Karin Buch sagt:

    Für manche Menschen scheint es sehr schwer zu sein, ab wann eine Chemikaliensensibilität, die sich auf Einzelstoffe bezieht, eine Multiple Chemikaliensensibilität ist.

    Ich kenne eine Frau die behauptet echte Multiple Chemikalien Senisbilität zu haben, leider wird sie fleissig von so manchen Arzt in ihrer eigenen Krankheitswahrnehmung unterstützt, da diese Ärzte davon ausgehen, dass bereits eine sehr leicht ausgeprägte Senisbilsierung auf Einzelstoffe eine Multiple Chemikalien Senisbilität bedeuten würde. Die Frau sitzt in ihrer Freizeit fleissig an einem Tisch mit PVC-Tischdecke und klebt für Weihnachten Nudelengelchen zusammen, mit einer Heißklebepistole, in ihrer Preßspanküche sitzend, vor einem Plastikfenster, mit einer Kunsstoff-Brille auf der Nase und einem Synthetik-Jogginganzug an, während der Mann Schuhe mit stark nach Erdölausdunstung riechenden Farbe putzte. Welche Chemikalienemmissionen dabei zusammen kamen, braucht man wohl nicht weiter erläutern. Dass diese Emissionen für einen echten MCS-Patienten nicht verträglich sind, brauche ich hier wohl auch nicht weiter erläutern. Auf meine Frage, weshlab sie dies alles kann, obwohl sie doch angeblich das MCS-Syndrom hat, kam schlicht ein entsetzter Blick.

    Jedenfalls ist diese Frau und ihr Ehemann der Meinung, sie hätte eine echte “Multiple Chemikalien Senisbilität” (MCS) und alle anderen nicht. Beide ziehen echte MCS-Patienten, die auf eine Vielzahl unterschiedlicher Chemikalien im Niedrigdosenbereich reagieren, durch den Kakao. Weil sie nicht akzeptieren können, dass echte MCS-Patienten wirklich auf eine Vielzahl Chemikalien reagieren udn stark erkrankt sind.

    Echte MCS bedeutet nämlich genau das Gegenteil dieser Frau. Nämlich, dass der Patient auf unendlich viele Chemikalien reagiert und bereits beim Empfang eines bedufteten Briefes erhebliche Symptome bekommt. Genau das bedeutet MCS, das der Patient bereits geringste Mengen Chemikalien nicht mehr verkraftet und bereits bei einem Hauch von Chemikalien, wie sie in Dufstoffen und bedufteten Briefen vorkommen, das gesamten Organsystem zusammenbricht. Der Alltag eines echten MCS-Patienten ist überaus stark eingeschränkt und ein übliches Leben mit dieser sehr starken und unendlich umfangreichen Chemikaliensensibilisierung MCS, sind nicht mal mehr geringe Mengen an Chemikalien tolerierbar. Wer solche geringen Mengen an Chemikalien noch verträgt, kann keine MCS haben, sondern befindet sich erst noch in einer ersten Senisbilierungsphase auf Einzelstoffe.

    Hierin bestehen die Unterschiede zwischen MCS und Einzelsensibilität. Ein Chemikaliensensibler Patient, wie es diese Frau ist, reagiert nur auf eine sehr geringe Anzahl unterschiedlicher Einzelstoffe, auf die sie sich einzelnd senisbilisierte. Dies kennen wir zb von Azofarbstoffen. Und genau das ist das “Geheimnis”, warum diese Patienten, die nur auf Einzelstoffe sensibilsiert sind, noch arbeiten gehen können, noch in Kaufhäuser gehen können, noch beduftete Briefe entgegen nehmen können. Da dies kein MCS-Syndrom darstellt.

    Ein Patient mit Multipler Chemikalien Senisbilität (MCS), reagiert hingegen auf eine Vielzahl unterschiedlicher Chemikalien die nicht miteiander verwandt sind und kann auf keinen Fall Engelnüdelchen mit einer Heißklebepistole basteln und in einer Preßspanküche sitzen. Das besagt schon der Consens.

    Wer über echte MCS-Patienten herzieht und seine eigene einfache Einzelsensibilsierung auf Einzelchemikalien, als angebliches MCS-Beispiel hervorzeigt, ist nicht ausreichend wirklich über diese schwere Erkrankung MCS informiert. Heißklebepistolen, Besuche in Kaufhäusern, Preßspanküchen, gehören jedenfalls nicht zu den wirklichen Möglichkeiten eines echten MCS-Patienten.

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